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Wie viele Zugezogene verträgt Wildpoldsried?

18. Januar 2022
Gesundheit, Soziales & Miteinander
Gesundheit, Soziales & Miteinander
"Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die ZEIT-Stiftung würde jeder dritte Großstädter gerne aufs Land ziehen, und Corona hat diesen Wunsch noch verstärkt (siehe Grafik). Aber wie viele Menschen werden es am Ende tun? Seit bald 30 Jahren wachsen Städte, der Sog der Zentren ist immer stärker geworden, während sich das Land vielerorts entleerte. Nur noch 15 Prozent der Deutschen leben in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern, 77 Prozent in der Stadt. Kommt diese Entwicklung nun zu einem Halt? Es verändere sich jedenfalls die Vorstellung davon, was ein gutes Leben ausmache, sagt einer der renommiertesten Soziologen im Land, Heinz Bude: "Es gibt ein neues Bedürfnis nach Mikro-Heimat, und das zentrale Element der Mikro-Heimat ist das eigene Haus – also etwas sehr Konservatives." Greta und Corona, Klimakrise und Pandemie verstärken diesen Wunsch, aber so etwas können sich viele Menschen eben nur am Stadtrand oder auf dem Land leisten. "In den nächsten 30 Jahren geht es mehr um Schutz und weniger um Freiheit. Deshalb suchen Menschen einen sicheren, überschaubaren Ort", sagt Bude. Zugleich verliert die Stadt gerade ihre relativen Vorteile: Wer braucht einen Flughafen in Taxinähe, wenn einem die Welt nicht mehr offensteht? ... Es ist ein neues Milieu, das weit hinausstrebt: "Die Pioniere sind vor allem Kreative, IT-Spezialisten und Freiberufler, Architekten und Designer." Es sind Berufe, die zentral für die Wissensökonomie des 21. Jahrhunderts sind. Bisher gab es nach Überzeugung von Soziologen wie Richard Florida ("Creative Class") nur einen Ort, an dem sich Menschen mit diesen Berufen entfalten konnten: die Stadt mit ihrer Infrastruktur, ihren Universitäten und innovativen Unternehmen. Nur: Wo endet eigentlich die Stadt? Und wo beginnt das Land? Traditionell wachsen Großstädte entlang von Autobahnen, U-Bahnen und Bahnstrecken ins Umland. Neuerdings aber auch entlang von Internetkabeln. Susanne Dähner sagt: "Wir sehen, dass so jenseits des traditionellen Speckgürtels weit draußen auf dem Land neue Speckwürfel entstehen." ... Aber es will eben nicht jeder mit einer Erfindung und einem Start-up groß rauskommen, und nicht jeder stellt Wirtschaftswachstum an die erste Stelle seiner Sehnsüchte. Vor allem in und um Berlin entwickeln Pioniere statt dessen eine neue Vorstellung vom Leben auf dem Land. Sie denken nicht an ihr persönliches Homeoffice-Paradies, das haben sie sich längst eingerichtet. Sie wollen vielmehr den ländlichen Raum selbst verändern. ... Wenn Hennig sagt, dass sie bei ihrer Arbeit "absolut nach vorne denkt", bedeutet das für die 1000 Jahre alte Stadt: Nahversorgung, Mobilität, Verwaltung – alles muss digitaler werden. So könnte Bad Belzig ein Ort werden, an dem sich Digitalarbeiter ansiedeln, Firmen gründen und Arbeitsplätze schaffen. Damit das gelingen kann, hat Silvia Hennig im Mai einen Antrag beim Bundesinnenministerium eingereicht – und Erfolg damit. Bad Belzig und die Nachbargemeinde sollen vom Bund mit 5,4 Millionen Euro gefördert und zu "Smart Cities" auf dem Land werden.n... "Wir sollten uns zeitnah überlegen, wofür wir die Gelder ausgeben", sagt Hennig im Videocall und präsentiert ihre Ideen. Aber dem Projektleiter in Bad Belzig geht das alles zu schnell. Er sagt schroff: "Wir sind hier auf dem platten Land. Wir müssen erst mal die Leute davon überzeugen." Und er möchte den Bewilligungsbescheid in Händen halten. Silvia Hennig weiß aber den Bürgermeister an ihrer Seite und leitet ihre folgenden Sätze mit Worten wie "Ich verstehe, dass es schwierig ist" ein. Dann führt sie die Beamten unbeirrt weiter durch ihre Präsentation. Silvia Hennig ist niemand, die sich leicht abwimmeln lässt. Mit ihrer klaren Stimme überstrahlt ihre Präsenz im Ratssaal selbst virtuell die aller anderen. ... Stattdessen werden die Metropolräume größer, Menschen ziehen raus – und sie ziehen weiter raus als bisher, weil es Internet und Homeoffice häufiger erlauben. Wuchs die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten in die Höhe und wurde dichter, wird sie nun wieder breiter und wächst in der Fläche. Der Soziologe Heinz Bude sieht die Entwicklung mit Sorge: "Aus ökologischer Sicht ist es ein Irrwitz, wenn jeder ein Eigenheim baut. Damit schreitet die Versiegelung des Landes voran!" Wenn man den Klimawandel ernst nehme, müssten die Städte noch dichter werden. Aber Bude weiß auch, wie unmöglich es für viele Menschen in Großstädten geworden ist, ein Eigenheim zu kaufen. Deshalb glaubt er, dass es Zeit sei, über "Mikro-Heimaten in Städten nachzudenken". Sonst werde man bald eine neue moralische Debatte führen. Nicht wie bisher, ob jemand Fleisch esse oder einen SUV fahre, "sondern ob sich jemand herausnimmt, in Brandenburg ein Eigenheim zu bauen". ... Wie viel davon eine Stadtflucht "light" ist, also der Kauf eines Wochenendhauses? Bleibt ungewiss. Aber wer ein Ferienhaus drei Tage pro Woche nutzt, ist auch schon ein halber Landbewohner. In jedem Fall werden sich viele Dörfer in erweiterten Metropolregionen verändern. Und es werden vor allem besser Gebildete und Gutverdiener sein, die sich dort niederlassen. Wer putzen geht, kann nicht ins Homeoffice aufs Land, und insofern hat diese Stadtflucht eine deutliche soziale Unwucht. ... Die erste Gelegenheit kam von außen, Schleswig-Holstein legte in den Neunzigerjahren ein Programm zur Dorfentwicklung auf. Das Land suchte neue Ideen – und Jaspert gewann mit einem Konzept, das Kunst für Kinder aufs Dorf holte. Bokel wurde Kinderkulturdorf, bekam Aufmerksamkeit und Geld – und wenig später saß Jaspert als stellvertretender Bürgermeister im Gemeinderat. ... Einige Freunde und Gleichgesinnte gingen ebenfalls in die Bürger-Ausschüsse und stellten sich zur Wahl. Inzwischen hat die Gemeinschaft der Hippies und Ökos die Mehrheit. Andere Bokeler gründeten Vereine, einer von ihnen hat das Freibad im Dorf übernommen, und wenn Gullys gereinigt oder Büsche und Straßenränder beschnitten werden müssen, dann machen das keine Gemeindearbeiter, sondern die Bokeler selbst. "Über die Jahre haben die Alteingesessenen gesehen, dass wir nicht gefährlich sind – und dass wir die Arbeit machen", sagt Jaspert nüchtern. Natürlich hat Bokel viele Einwohner verloren, wie andere Dörfer auch. Bauernsöhne und -töchter gingen in die Städte, aber es zogen auch Menschen hierher: ein Bootsbauer, ein Schmied, eine Event-Managerin, ein Unternehmer. ...Wenn er zudem höre, in Bokel könne man "die Seele baumeln lassen", so als wäre das Dorf eine dauerhafte Urlaubskulisse, bewegt sich Jaspert hektisch, und er muss gar nicht mehr sagen, dass er von solchen Stadtflüchtlingen wenig hält. "Das Dorf macht jedem ein Angebot, und dann muss sich jeder entscheiden, ob er Teil der Gemeinschaft werden will oder nicht." ... https://www.zeit.de/2020/48/stadtflucht-umzug-dorf-sicherheit-heimat-veraenderung/komplettansicht

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